Von Sibylle Kranich, erschienen in den Badischen Neusten Nachrichte, Karlsruhe den 03.01.2022

Was ist wohl die am weitesten entfernte Stadt, die man von Karlsruhe aus mit dem Zug erreichen kann?
Die junge Dame vom Infoschalter der Deutschen Bahn am Hauptbahnhof schaut freundlich aber ein bisschen ratlos.
„Also, die längste Zugreise, die ich je verkauft habe, führte nach Rovaniemi in Finnland“, sagt sie. 49 Stunden dauert
die Fahrt von Baden bis zur offiziellen Heimatstadt des Weihnachtsmanns im Herzen Lapplands.

Nicht schlecht, aber es geht noch länger. Und vor allem – ohne Fähre. Der britische Bahnexperte Mark Smith hat
kürzlich erst die wahrscheinlich längste Bahnverbindung der Welt errechnet. Wer viel Zeit mit ins Reisegepäck
steckt und ein paar Umstiege in Kauf nimmt, der kann mit dem Zug buchstäblich um die halbe Welt fahren. Baden
liegt (fast) auf dem Weg.

In 18.755 Kilometern führt die Rekord-Bahnverbindung, die Mark Smith (Foto: Mark Schmith/privat) und seine
Freunde auf dem Internetportal „Reddit“ berechnet haben, vom Süden Portugals quer durch ganz Europa und Asien
bis nach Singapur. Der Zustieg in den Nachtzug Paris–Moskau ist von Karlsruhe aus problemlos möglich.
Ist man dann erst mal auf dem richtigen Gleis, folgen natürlich noch ein paar weitere Umstiege. Unterwegs gibt
es Stopps mit Zugwechseln in Russland, China, Laos, Thailand und Malaysia. Wer die Anschlüsse gut
aufeinander abstimmt, kann es vom Start in Lagos/Portugal bis nach Singapur in 21 Tagen schaffen, meint Smith. Mit Übernachtungen in Paris, Moskau und Peking.

Fester Bestandteil der Verbindung ist unter anderem auch der Nachtzug von Paris nach Moskau. Bis vor einigen
Jahren hielt der sogar noch direkt in Karlsruhe. Doch statt über Straßburg rollt die russische Staatsbahn als
Betreiberin des Euronight 452/453 nun über Saarbrücken und Frankfurt weiter nach Berlin. „Sie könnten aber von
Karlsruhe aus in Frankfurt oder Berlin problemlos zusteigen“, empfiehlt die junge Frau am Bahnschalter. Bis
Singapur wäre man dann nur noch rund 19 Tage unterwegs. Die Übernachtung in Paris hätte man auch gespart.

Die durchgängige Schienenfahrt bis in den Inselstaat an der Südspitze Malaysias ist ganz neu und erst seit wenigen
Wochen möglich. Als Teil der „Neuen Seidenstraße“ wurde am 2. Dezember 2021 die Hochgeschwindigkeitsstrecke
zwischen der chinesischen Stadt Kunming und Vientiane, der Hauptstadt von Laos, fertiggestellt. „Damit ist die
Lücke im Schienennetz geschlossen“, sagt Mark Smith. Zuvor endete die Gleisstrecke in Vietnam. Die Weiterfahrt
nach Singapur sei nur mit mit dem Bus möglich gewesen.

Nach Smiths Berechnungen kommen Reisende aus Portugal mit zwölf Umstiegen hin. Die Ticketkosten schätzt der Bahnprofi auf rund 1.200 Euro. Übernachtungen und Visumskosten nicht mitgerechnet.
Aber die Finanzen sind das eine – wie sieht es überhaupt mit der Machbarkeit einer solchen Fahrt aus? Bleibt die
längste mögliche Zugfahrt vom Karlsruher Hauptbahnhof aus letztlich ein unerreichbarer Traum?
Die Dame am DB-Schalter jedenfalls kann nicht wirklich helfen. Obwohl sie sich bei der Recherche viel Mühe gibt,
muss sie relativ schnell aufgeben. „Da sind einfach zu viele verschiedene Zuggesellschaften beteiligt“, sagt sie und
empfiehlt, die Tickets direkt im Internet oder bei spezialisierten Veranstaltern für Zugreisen zu erstehen.
Die Pressestelle der Bahn in Stuttgart verweist an das hauseigene Service-Center für Internationale Buchungen.

Zugprofi Mark Smith dagegen rät zur individuellen Recherche. Internetforen und Reiseblogs seien dabei eine
große Hilfe. Der Kauf der Fahrscheine ist seiner Erfahrung nach aber ohnehin das geringste Problem an einem
solchen Reiseprojekt. „Die größte Herausforderung ist es, alle nötigen Visa zu bekommen und diese dann mit den
An- und Abfahrtszeiten der Züge abzustimmen“, sagt er. Von der Idee, die Fahrkarten direkt am Schalter zu kaufen,
rät er ab. Das sei in Asien zwar durchaus üblich, aber Reisende aus dem Westen stelle dies vor ein großes
Problem: „Manchmal braucht es bereits für den Visumsantrag ein gültiges Ticket. Man muss also sehr gut
im Voraus planen.“

Quelle: Sibylle Kranich: BNN, Ausgabe zum 03.01.2022