Ausstellung Akademie der Künste

Im Herbst 2020 war die Magistrale für Europa Thema bei der Sammelausstellung “urbainable – stadthaltig. Positionen zur europäischen Stadt für das 21. Jahrhundert” in der Akademie der Künste Berlin. Im Folgenden können Sie einen Eindruck des vom Architekturbüro Auer Weber gestalteten Gastbeitrags “Unter den Schienen der Strand” gewinnen. Einen umfangreichen Überblick erhalten Sie auf der beitragseigenen Website https://unterdenschienenderstrand.de/.

Marcel Alber, www.wefuge.de

Unter den Schienen der Strand!

„Sous les pavés, la plage – Unter dem Pflaster ist der Strand!“ – so haben es die Pariser Studenten 1968 verkündet. Damit spielten sie nicht nur darauf an, dass der sandige Untergrund der Stadt sichtbar wurde, wenn die Pflastersteine als Wurfgeschosse herausgerissen wurden; sie forderten auch, die gewohnten Dinge und Sichtweisen radikal und in utopischer Absicht in Frage zu stellen, und fraglos haben sie damit zur Änderung der Gesellschaft beigetragen. Was aber, so könnte man heute fragen, ist eigentlich unter dem Strand? Auf den ersten Blick erscheint diese Frage absurd, ebenso wie der in die Jahre gekommene Studentenslogan. Beide aber verweisen auf eine allgemeine menschliche Erfahrung: Sein und Schein fallen auseinander, den Phänomenen wohnt eine Tiefendimension inne, die auf den ersten Blick nicht erkennbar ist und die bisweilen auch erst erarbeitet und entdeckt werden will. Man muss „hinter die Fassade“ blicken und „unter der Oberfläche“ suchen, um zu finden, „was die Welt im Innersten zusammenhält“.

Auch Bahnhöfe machen da keine Ausnahme: Scheinbar nur von funktionalen und ökonomischen Erwägungen bestimmt, offenbaren sie ihre wahre Größe erst unter der Oberfläche – sowohl hinsichtlich der Dimensionen als auch in ihrer Bedeutung für das gute Leben der Menschen. Das gilt auch für den neuen Münchner Hauptbahnhof, als Gebäude und in seiner Rolle als Teil eines städtischen und transeuropäischen Netzwerks. Tausende Menschen hasten jeden Tag durch das Bauwerk, viele hundert arbeiten darin. Viele innerstädtische Verbindungen kreuzen sich hier über und unter der Erde, aber auch mehrere europäische Magistralen. Die Achse Paris – Budapest verbindet beispielsweise 5 Länder und 35 Millionen Menschen auf einer 1500km langen Strecke. Nüchterne Zahlen, hinter denen sich Bilder und Geschichten aus unseren je individuellen und einem gemeinsamen kulturellen Gedächtnis verbergen: eine kulturelle Tiefendimension, die es zu entdecken gilt. Ist auch unter den Schienen ist der Strand?

Bauherr des Münchner Bahnhofs ist die Deutsche Bahn. Aber ist es nicht auch die Gesellschaft, die hier baut? Nicht, weil die deutsche Bahn im Besitz des Bundes ist, sondern, weil Bahnhofsgebäude in ihrer Bedeutung viel größer sind als die Summe der funktionalen Aspekte. Ist es vielleicht das, was in Stuttgart vergessen wurde? Wenn aber Bahnhöfe nicht nur für eine Verkehrs-Gesellschaft, sondern für die Gesellschaft gebaut werden, haben dann nicht Bauherr und Architekt auch ihr gegenüber Verantwortung? Geht es nur darum, 20.000 oder 30.000 Körper pro Stunde im Trockenen und möglichst schnell von A nach B zu bringen, oder geht es um mehr? Womöglich sogar um viel mehr? Was kann ein Bahnhof heute zum guten Leben beitragen? Muss ein Bahnhof nicht auch Reiseerlebnisse ermöglichen mit poetischen Momenten, Begegnungen, Gesprächen und ästhetischen Erfahrungen? Und selbst, wenn er das tut, reicht das aus? Sollte es nicht auch darum gehen, eine gebaute Idee zur Zukunft der Gesellschaft zu formulieren? Im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der großen Bahnhöfe, die als Kathedralen des Verkehrs eine utopisch-visionäre Kraft entwickelten, war das der Fall. Aber heute? Bisweilen scheint es, als habe die Architektur zwar vielleicht noch nicht die Kraft zur Sorge um den Einzelnen aber doch die Kraft zur Formulierung gesellschaftlicher Visionen verloren. Aber sind es nicht genau diese Aspekte – die Sorge um den Einzelnen und um die Gesellschaft – auf die es in der Architektur ankommt?

Auch unter den Schienen ist der Strand. Martin Düchs

Marcel Alber, www.wefuge.de.

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